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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Sie war eine von uns
Edition Schrittmacher Band 38
Sie war eine von uns
Das Leben der Westerwälder Jüdin Irmgard Schaumburg
162 Seiten, 12,4 x 19,2 cm, Broschur
ISBN: 978-3-89801-238-6
Preis: 12,00 EUR



Der Autor
Christoph Kloft, geboren 1962 in Limburg, studierte in Mainz, Gießen und Koblenz Germanistik, Allgemeine Sprachwissenschaft, Komparatistik und Katholische Theologie (Abschlüsse: Magister Artium, Staatsexamen Lehramt an Realschulen). Nach Volontariat Redakteur bei einer Tageszeitung. Elternzeit, danach mehrere Jahre im Schuldienst. Seit 1998 freiberufliche Arbeit als Schriftsteller und Journalist. Veröffentlichung von Romanen, Kurzgeschichten und Sachliteratur. Mitglied im rheinland-pfälzischen Schriftstellerverband (VS). Verheiratet seit 1992, vier Kinder. www.christoph-kloft.de

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Inhalt
Die Westerwälder Historikerin Katharina erhält den Auftrag, über eine Jüdin aus der Nachbarstadt Westerburg zu schreiben. Bei der Recherche für das Buch taucht sie ein in die Briefe und Erinnerungen der jungen Frau, die den Holocaust nur dank unglaublicher Zufälle überlebte. Während dieser Arbeiten wird sie damit konfrontiert, dass auch ihre eigene Familie ein dunkles Geheimnis hütet. Sie trifft auf eine Mauer des Schweigens und muss sich eingestehen, dass sie sich in vielen Menschen aus ihrem Umfeld gründlich getäuscht hat.


Leseprobe

Fürchterlich! Sie musste weg. Weg vom Schreibtisch, von den Aktenbergen, von der bedrückenden Stimmung in ihrem engen Arbeitszimmer. Draußen strahlte die Sonne und Katharina rannte so schnell sie konnte. Völlig außer Atem stützte sie sich an einem Baum ab und ließ ihren Blick über die Wiesen streifen. Das Manuskript wollte einfach nicht wachsen, und sie quälte sich mühsam Zeile um Zeile voran. Es gab Momente, da fühlte sie sich von ihrer Aufgabe schlichtweg überfordert. Sie, die Kriegsenkelin, sollte ein Buch schreiben über eine Jüdin, die vor über siebzig Jahren gequält, gefoltert worden und am Ende nur knapp dem Tod entgangen war. Die Akten türmten sich auf ihrem Schreibtisch: Alte Briefe, Fotos, Zeitungsausschnitte. Manchmal machte ihr der riesige Berg nur noch Angst, und die Zweifel wurden übermächtig: Sie gehörte zum Volk der Täter. Irmgard Schaumburger war sie nie begegnet, denn die war Anfang der neunziger Jahre gestorben, und Katharina war sich nicht einmal sicher, ob sie viel miteinander hätten anfangen können, wenn sie sich denn einmal getroffen hätten. Irmgard schrieb in ihren Briefen so altmodisch, so hausbacken, war immer auf Ausgleich und Versöhnung bedacht, und das war alles andere als Katharinas Ding. In ihrem Geschichtsverein machte sie sich dafür stark, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten schonungslos aufgearbeitet wurden, Gnade für die Familien der Täter kannte sie nicht, und in ihren Veröffentlichungen nannte sie stets Ross und Reiter. Dann dieser fast harmonische Ton von Irmgard. »Die Zeiten waren für uns alle schwer«, schrieb sie an Freundinnen in Deutschland, und allein schon dieser Satz machte Katharina wütend: Nein, die Leiden der Juden waren doch nicht vergleichbar mit denen der anderen Deutschen! Und jetzt sollte sie ein Buch über diese jüdische Frau ­schreiben, die durch Glück, Zufall und vielleicht etwas Hilfe von außen der Deportation nach Auschwitz dreimal entkommen war. Sie sollte das Buch schreiben – selbst das entsprach nicht der Wahrheit. Sie wollte es schreiben. Sollen sagte man gern, das klang wichtig – wenn man schon darum gebeten wurde, ein Buch zu schreiben, wie wichtig war man dann erst selbst? Die reine Koketterie, was sie da manchmal von sich gab. Oder war es vielleicht gar eine Rechtfertigung? Entschuldigte sie sich am Ende etwa dafür, dass sie sich schon wieder mit der unseligen Vergangenheit beschäftigte, die man – wie von so vielen gefordert – doch endlich einmal ruhen lassen sollte?