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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Zufall
Edition Schrittmacher Band 6
Zufall
Kurzgeschichten von Clara Herborn
12,4 x 19,2 cm, Broschur
ISBN: 978-3-89801-206-5
Preis: 9,90 EUR

Die Autorin
Clara Herborn
• geboren 1978 in Mainz
• Mutter Wiebke Herborn (Bildmischerin/ZDF), Vater   Ernst-Hans Herborn (Redakteur/ZDF)
• 1997 Abitur an der Integrierten Gesamtschule
  Mainz
• 1997/98 Reisen durch Irland, Schottland,
  Nordafrika, Ostafrika, Spanien
• Seit 1998 Studium der Filmwissenschaft und der   Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Johannes Gutenberg Universität, Mainz

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• 1999 nominiert zum Glaser-Förderpreis mit dem Text »Die Metropole«.
• Kontinuierlich: Lesungen in Mainz (u.a. Frankfurter Hof,   Kulturtelefon, Kulturcafé, Bar-
  lounge Schick&Schön,   Literaturbüro, Caveau, Radio).
• Arbeit an erster Novelle soeben beendet.
• Lieblingsmusik: Refused, Sepultura.
• Größter Wunsch: dass der Dalai Lama nach Tibet zurückkehren darf.


Leseprobe

Sie sehen schon wieder viel besser aus …

Aber sonst war er doch auch immer bei Rot über die Straße gegangen! Mario starrte auf die kreisförmig um den Körper angeordneten Passanten. Jetzt würde er zu spät zu den Probeaufnahmen kommen! Er schwebte ein wenig nach rechts, um besser sehen zu können. Er hatte diese Ampel doch schon tausendmal überquert, dachte er und musterte die verdrehten Beine des am Boden liegenden Körpers. Neben dem blutigen Kopf lag seine Brille, das Gestell verdreht, die Gläser zerborsten. Verdammt, die hatte er doch erst vorige Woche …
»Der ist tot«, sagte ein älterer Mann, der sich über den Körper beugte. Ein Kind fing an zu weinen. Dann ertönte ein Martinshorn und die Leute traten zurück. Mario konnte den Körper jetzt besser sehen. Und die Blutlache. Männer in weißen Kitteln stürmten herbei und verdeckten den Körper. Mario sah sich um, schaute zum Himmel. Die Wolken waren dunkel und hingen tief. Es würde am Nachmittag regnen. Was geschah jetzt? Mario schwebte etwas tiefer und näher heran. Die Männer hoben den Körper hoch und legten ihn auf eine Tragbahre.
»Halt!«, rief Mario. »Wo wollt ihr hin?«
Sie trugen die Bahre zum Krankenwagen und luden sie ein. Mario glitt hinter den Sanitätern in den Innenraum des Wagens. Die Türen wurden geschlossen. Das Martinshorn heulte auf, sie fuhren los. Mario stand direkt vor der Bahre und schaute auf die Atemmaske, die auf seinem Gesicht saß. Er hob die Hand, führte sie zum Mund und befühlte seine Lippen. Komisch. Er warf einen Seitenblick auf den mit einer Spritze hantierenden Notarzt.
»Sieht mir ganz nach inneren Blutungen aus«, murmelte der.
»He!«, rief Mario, als der Arzt mit der Spritze in den blutverschmierten Arm stach, mussten die denn so grob sein? Marios rechter Arm fing an zu kribbeln. Das Kribbeln wurde stärker und dehnte sich auf seine ganze rechte Körperhälfte aus. Dann durchfuhr ihn ganz plötzlich ein heißer Blitz, Mario zuckte zusammen, er wollte sich aufsetzen – als Eisenklauen ihn wrangen. Er schrie auf.
»Ruhig!«, rief der Arzt. Mario erkannte ihn an der Stimme wieder. »Bleiben Sie liegen.«
Mario war, als bohrten sich Eisenstangen in seinen Rücken, als stächen Nadeln in seinen Kopf. Er stöhnte laut auf.
»Sie sind schwer verletzt«, erklärte der Arzt. »Wir bringen Sie jetzt ins Krankenhaus.« Dann wurde es dunkel und Mario stürzte in die Tiefe. Er hob die Augenlider ein wenig an. Licht gleißte, weißes Licht. Die Gegend war in Bewegung, alles um ihn herum ruckte und schwankte.
»Wir operieren in einer Viertelstunde!«, brüllte eine Männerstimme an Marios Ohr. Die Schmerzen wuschen in Wellen über Mario hinweg, er zuckte und wand sich. Er hörte sein eigenes Wimmern. Dann, unvermittelt, ballte sich alles in ihm zusammen und er wurde empor gerissen mit einem lauten Ächzen. Er war leicht. Nichts tat ihm mehr weh. Er blickte sich um: Er schwebte in der rechten hinteren Ecke eines weißen Raumes. Unten, etwa in der Mitte des Zimmers, stand eine Liege, auf der ein Körper festgeschnallt war, Leute in weißen Kitteln mit weißem Mundschutz beugten sich über den Körper. Waren das die Dreharbeiten, zu denen er hatte fahren wollen?
»Mario Müller«, sagte eine Stimme hinter ihm.
Mario fuhr herum: Vor ihm schwebte ein etwa dreißigjähriger Afrikaner in einem ölverschmierten Blaumann.
»Sie sind es wirklich!«, rief er und kam näher. »Ich bin ein ganz großer Fan von Ihnen!«
»Was …?« Mario schaute wieder runter, auf den Körper. Das Blut. »Was passiert hier?«
»Sie werden gerade operiert.«
Der Mann deutete auf den festgeschnallten Körper. Mario wich zurück.
»Wer sind Sie?«
»Robert Kabonge«, sagte der Mann und streckte ihm die Hand hin, »Gebrauchtwagen An- und Verkauf.«
Mario ignorierte die ihm hingehaltene Hand.
»Ich werde grad im OP nebenan zusammengeflickt.« Der Mann ließ die Hand sinken. »Hatte neulich einen Herzanfall, jetzt weiten sie eine Ader in meinem Kopf. Tut gar nicht weh.«
»Sind wir …«, Mario schluckte, »… sind wir tot?«
...