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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Extremisten 2010
Edition Schrittmacher Band 25
Extremisten 2010
16 Augenzeugenberichte • Markus R. Weber
12,4 x 19,2 cm, Broschur
ISBN: 978-3-89801-225-6
Preis: 10,00 EUR


Der Autor:
Markus R. Weber, geb. 1963 in Worms.
Studium mit Hauptfach Germanistik. Literarische,
literaturwissenschaftliche und
kritische Arbeiten. Redaktionelle Mitarbeit
bei Zeitschriften. Veröffentlichungen
in literarischen Zeitschriften. Beiträge im
Saarländischen Rundfunk.
Preise und Stipendien, u.a. Akademie
Schloss Solitude, Künstlerdorf Schöppingen,
Martha-Saalfeld-Förderpreis,
Thaddäus-Troll-Preis, Buch des Jahres in
Rheinland-Pfalz 2002.
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Inhalt:

Die Transformation des Menschen durch die Medien

Die modernen Medien haben es möglich gemacht: Bis 2010 ist jeder Deutsche mindestens einmal in einem Medium öffentlich aufgetreten und hat seine fünfzehn Minuten Berühmtheit
erworben. Gewollt oder ungewollt. Was bleibt, um sich von der Masse abzuheben und sein Profil zu schärfen? Die Steigerung in Permanenz. Die Interessen müssen verfeinert, die
Fähigkeiten zugespitzt, die Neigungen perverser werden. Extremisten sind Menschen, die außergewöhnliche Dinge tun oder Dinge auf außergewöhnliche Weise tun. Es geht um
Obsession, Fetischismus, Autismus, Leiden, Schmerz, Spleen, Narzißmus, kreativen Wahnsinn, Masochismus, Geltungsbedürfnis, Voyeurismus.
Da gibt es den elastischen Mann, der als menschlicher Dummy arbeitet, den »Dr. Tod«, der Leichen plastiniert und in abstrusen Szenarien zur Schau stellt, den Tätowierer, der innere Organe tätowiert, oder den Mann, der sich in einen Wurm verwandelt.
Alle Extremisten aber kennen auch die letzte Steigerung des Irrsinns, die Apotheose der Perversion: Darüber reden. Die Macht des Worts macht den Wahnsinn zur Methode.
Sechzehn Monologe von Extremisten.

»Es gibt hier Sätze, die scheint eine Grabesstimme aus dem allgemeingültigen Jenseits zu verkünden, Gänsehautsätze, Sätze, da hört man ein ganzes Streichorchester.« (FAZ über Markus R. Weber)

Leseprobe

Teddybären

Wie schön, wenn ich sogar Urlaubspost von meinen Teddybärchen erhalte.
Die neuen Besitzer freuen sich so über den Kleinen, dass sie ihn auf Reisen mitnehmen und mir von unterwegs schreiben. Oft setzen sie den Bären ans Fenster oder auf eine Brüstung und fotografieren ihn so, dass man im Hintergrund die bekannteste Sehenswürdigkeit des Ortes erkennen kann.
Den Bären Balduin hat das liebe Lehrerehepaar z.B. nach Paris mitgenommen; sie schickten mir ein Foto von Balduin vorm Eiffelturm, das so lustig aufgenommen war, dass es aussah, als sei Balduin so groß wie der Turm.
Die neuen Eltern unterschreiben auch mit dem Namen des Bären, also z.B. Udo, Urs oder Urban.
Die U-Serie stelle ich immer zwischen Weihnachten und Neujahr her, sie haben alle ein zugekniffenes Auge und dadurch einen sehr schelmischen Blick.

Am wichtigsten beim Bären ist nämlich das Gesicht, genauer: der Blick. Ohren, Nase und Augen müssen millimetergenau so angebracht werden, dass der Gesichtsausdruck Emotionen weckt. Meine Emotionen. Und die Emotionen der neuen Eltern. Deshalb fühlen sich die Kunden sofort von einem Bären angesprochen, wenn sie ihn hochnehmen und ihm direkt in die Augen sehen. Jede geringste Abweichung kann das zerstören. Der günstigste Ausdruck ist Gelassenheit. Hingabe, perfekte Sanftmut. Ein erstrebenswerter Charakter. Sympathische Züge. Das, was meine Kunden sich wünschen.

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