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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Gegenstand der Erkenntnis
Edition Schrittmacher Band 28
Gegenstand der Erkenntnis
Erzählung • Lutz Herrschaft
124 Seiten, 12,4 x 19,2 cm, Broschur
ISBN: 978-3-89801-228-7
Preis: 10,00 EUR


Der Autor:
Lutz Herrschaft,
Geboren 1962 in Aschaffenburg. Studium der Philosophie. Redakteur beim Südwestrundfunk in Mainz. Martha-Saalfeld- Förderpreis 2007


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Inhalt:
Ein Physiker will a-sozial werden und es gelingt ihm, weil er es sowieso schon ist. Ein Anwalt will es ebenfalls werden, traut sich lange nicht, aber irgendwann sind die Umstände günstig.
Aus der Gesellschaft, aus dem System gefallen – eigentlich ging der ganze Scheiß die beiden nie etwas an. Eine gute Basis für Freundschaft.
Der eine lebt (weil reich), der andere schreibt (weil mittellos). Und worüber sollte er schreiben, wenn nicht über die Geschichte dieser Freundschaft? Über die Altstadt von Tübingen vielleicht? Natürlich gibt es auch eine Frau, die hat man sich geteilt, damals, mit sechzehn, sie ist vom selben, krummen Holz. Aber sie ist nicht Gegenstand dieser Erzählung. Das ist nur die Erkenntnis. Eine sperrige Sache, die man gegebenenfalls mit einem Sturmgewehr verteidigen muss.


Leseprobe
Was Wolfgang Windheimer zu seinen Wahnsinnstaten getrieben habe, habe auch er, Werner Stammerich, nie begriffen. Er habe ja als einziger Vertrauter Wolfgang Windheimers gegolten
und sei entsprechend oft verhört worden. Trotz enormen Medieninteresses habe er alle Honorarangebote abgelehnt und das, obwohl er schon damals nahezu mittellos gewesen
sei, zumal seine geschiedene Frau sich eine Depression nebst Berufsunfähigkeitsattest zugezogen habe und ihre Anwältin entsprechend vorstellig geworden sei.
Die ganze Aufregung sei ja jetzt ungefähr zwei Jahre her. Meistens schaue er in diesen schlotartigen, vermüllten Hinterhof am Rand der Altstadt, eine plattgeschlafene Nackenrolle
auf der Fensterbank lindere den Druck auf seine Unterarme. Vor ein paar Tagen habe er Gummihandschuhe, Mundschutz, Sagrotan sowie massive Meißel und Spatel gekauft und sich an die ungefähr acht Zentimeter starken Sedimente aus Taubendreck gewagt, die eine Art Chemismus mit dem Außenblech der Fensterbank verbunden habe. Es gebe eine Südseeinsel, deren Boden komplett aus Vogelkot bestehe. Die Basis sei zwar ein Korallenriff, aber auf dieses Riff hätten jahrmillionenlang die Seevögel geschissen. In diesen Jahrmillionen sei der Mist dann noch härter geworden als der weißgraue Kackstein auf seiner Fensterbank. Für die Menschen, die ein humorvoller Sturmgott einst auf diese Insel geweht habe, sei es nur Gestein gewesen, aber ihre Kolonialherren hätten schnell begriffen, dass das Zeug einen hervorragenden Dünger gebe, etwa für Azaleen auf der Mainau oder Rhododendren in East Anglia. Schließlich sei die Insel ein selbstständiger Staat geworden und ihre Bewohner hätten für ein paar Jahrzehnte zu den reichsten Menschen der Welt gehört. Nun sei das eine ambivalente Sache; klar sei es schön, von Scheiße reich zu werden. Andererseits trage sie die Inselmenschen, trage deren Schulen, Straßen, Nachtlager. Irgendwann komme dann wieder das blanke Korallenriff durch und die Leute müssten plötzlich vom Tourismus leben. Der aber nicht kommen werde, weil diese Korallenriffstaaten ja bald alle vom Ozean verschluckt würden.
Hätten diese Inselleute ihre Vogelscheiße nicht abgebaggert und verkauft, dann könnten sie dem Klimawandel knapp über dem gestiegenen Meeresspiegel eine Nase drehen – arm,
aber glücklich. Selbst Vogelmist könne zum Nachdenken anregen, wenn man Muße habe.