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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Brotverleih
Edition Schrittmacher Band 29
Brotvereih
Roman • Franz von Stockert
216 Seiten, 12,4 x 19,2 cm, Broschur
ISBN: 978-3-89801-229-4
Preis: 11,00 EUR


Der Autor:
Franz von Stockert, geb. 1943 in Frankfurt am Main.
Bildnerisches Arbeiten und literaturwissen-schaftliches Studium in Frankfurt und Wien. Nach der Promotion Lehrtätigkeit als Germanist an den Universitäten Kopenhagen und Bonn. Lebt als bildender Künstler, Autor und Dozent in Neuwied.
Essays und kulturwissenschaftliche Beiträge und Buchveröffentlichungen.
Hörstücke im Rundfunk.
»Brotverleih« ist sein zweiter Roman.


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Inhalt:
Brotverleih – nicht zu verwechseln mit Bootsverleih – ist ein kaleidoskopartiger Roman mit verschiedenen Erzählern, Sprechern und Schreibern; genaues Hinhören lohnt sich.
Er handelt von der Verwirklichung einer bizarren Geschäftsidee – nicht bizarrer allerdings als manches erfolgreiche Finanzprodukt. Wer sich da alles dranhängt und wie die Hauptfigur Kaufunger, eine Art Candide, da reinrutscht und sich verstrickt, mit seiner ökonomischen Unbedarftheit, seinen exotischen Interessen und seinem humanitären Engagement, ist – wie im richtigen Leben, dabei nicht unkomisch.
Personen und Orte sind, auch wenn sie bekannte Namen haben, reine Fiktion; auch haben sie keinen autobiographischen Bezug. Aus Erzählung, szenischen Protokollen, Dialogen und anderen Einlassungen (gemailte, gedruckte, auch gereimte) ergibt sich, wie aus Facetten, eine Lebens- und Beziehungsgeschichte, die auch ein Stück weit unsere politische Geschichte ist.


Leseprobe
Es ist ein sonniger Bahnsteig, auf den der Ankömmling erst tritt, als der Zug schon wieder angepfiffen wird. Kein Geschrei, weder von Vögeln noch von Menschen, keine
Bäume. Wo glaubt er auch anzukommen – im Urwald ? Natürlich nicht; er hat nur die lange Bahnfahrt verschlafen und geträumt.
Vielmehr ist das der Ort hinter München, hinter Tupfing, Nähe Starnberger See, wohin das Nachlassgericht ihn bestellt hat. Hier war er noch nie; ein alter Marktflecken wohl, noch mit
alten Bauernhäusern zwischen den modernen Landhäusern und mit einem Designerhaus, von Merkator selbst für sich entworfen und zweifellos mit Stil in dieses ländliche Environment
eingeplackt, vor vielleicht fünfzehn Jahren. Kaufunger wird erwartet, und nachdem die andern aus dem Zug sich schon verlaufen haben, kommen einige Leute auf ihn zu. Ihnen voran die schwarze Witwe mit kurzen weißen Haaren, oder sagen wir weißblond – Frau Schäfer, er erkennt sie; einmal bei einem Treffen mit seinem Vater hat er sie gesehen. Die anderen kennt er nicht. Frau Schäfer, als Lebensgefährtin seines Vaters, umarmt ihn und schluchzt, er sieht sie betroffen an und drückt ihre Hand (mit Smaragdring). Die Leute geleiten ihn zum Haus und nehmen ihn unterwegs ins Gebet. Abends allein hat Kaufunger Mühe sich zu erinnern, wer ihm
was riet oder was von ihm wollte. Wie war das noch ? – Er nimmt seine Finger zu Hilfe.
Zuerst eröffnete ihm Frau Schäfer, was alles gar nicht zur Erbschaft – sondern ihr gehöre, nämlich das Haus und vieles mehr. Eindringlich bat sie ihn, die Schenkung seines Vaters zu Lebzeiten an sie vor Gericht zu bezeugen; nur so könnte der Großteil des Besitzes aus der Konkursmasse rausgehalten werden und auch er, Kaufunger, seinen Anteil kriegen, nämlich von ihr, das versprach sie ihm. Zugleich sollte er die Erbschaft ausschlagen, damit er nicht die Schulden zu übernehmen bräuchte. Kaufunger wollte sich’s überlegen. Dann drängte sich ein Anwalt dazwischen – wie hieß er noch ? – und erklärte: Mit dieser Schenkung, auch wenn Kaufunger sie bezeugt, käme Frau Schäfer bei Gericht nicht durch, nicht ohne ihn, den Anwalt, der sich da auskennt. Deshalb sollten sie beide seine Hilfe in Anspruch nehmen, gegen Beteiligung. Frau Schäfer wies das Ansinnen des Anwalts zurück und sagte zu Kaufunger: Vertrau mir. Darauf der Anwalt: So schlau sich Frau Schäfer jetzt auch vorkäme, er könnte nur warnen vor krummen Touren, er sei schließlich Mitwisser. Im Übrigen gehe es ihm um das Vermächtnis seines Mandanten Merkator und er betrachte deshalb ihn, den einzigen Sohn, als seinen Partner.