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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Eine Stimme im Haus
Edition Schrittmacher Band 20
Eine Stimme im Haus
Erzählungen •
Christoph Justingerr
12,4 x 19,2 cm, Broschur
ISBN: 978-3-89801-220-1
Preis: 10,00 EUR


Der Autor:
Christoph Justinger,
geboren am 29.11.1962, lebt mit seiner Familie in Kaiserslautern. Nach begonnenem und wieder abgebrochenem Studium (Physik/Informatik) arbeitete er als Augenoptiker. Veröffentlichungen von Gedichten und Prosa in verschiedenen Literaturzeitschriften (Chaussee, Streckenläufer, Krautgarten u. a.). Im Dezember 2005 Martha-Saalfeld Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz, für ein Romanmanuskript..

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Inhalt:

Eine ungewollte Schädelrasur, Fenster wie Lichtschleusen gegen das Aufblättern einer Blindheit, ein Leben, das zwischen wenige zählbare Herzschläge passt und dann doch nichts anderes als das Glück haben soll … Geschichten, fast immer aus der Perspektive eines monologischen Erzählens heraus, in einer Denksprache, die das Unmittelbare einer Hirngrammatik nutzt.


Leseprobe

Christoph Justinger

Eine Stimme im Haus


Die Fenster waren unverschämt groß. Hell sollte alles sein.
Und das war es jetzt.
Licht kann ich nicht genug haben,
hatte Bernd doch immer gesagt und auf den Plänen des Architekten
die Fenster größer gemalt.
Geben Sie mal,
und gleich nach dem Griffel des Architekten gelangt. Ich hatte
bei den ersten Treffen Tomaten und Mozzarella auf den Tisch
gestellt. Der Architekt hatte Augen gemacht. Ich hatte sofort
gedacht, dass Architekten so etwas wohl nicht gewohnt sind.
Vielleicht würde er jetzt das Atelier etwas größer zeichnen,
ohne gleich mehr dafür zu verlangen. Ich hatte mir vorgestellt,
dass Architekten, wenn sie für einen zu denken beginnen, sofort
ein Zählwerk anstellen, dachte, sie rechnen um, Gedanken in
Geld. Ich hatte ihn jedes Mal gefragt, was er trinken wolle. Ich
hatte mir Mühe gegeben.
Bernd hatte den Architekten nie an der Haustür begrüßt. Er war
immer in der Diele stehen geblieben, und sobald ich die Tür
öffnete, fing er an mit seiner großen Hand zu wedeln und machte
dabei schon eine Vierteldrehung in Richtung Wohnzimmer.
Beim ersten Mal stockte der Architekt, machte aber dann einen
eiligen, großen Schritt hinein. Und schon vorbei an mir, musste
er dann den Kopf ein wenig zurück wenden, für einen Blick.
So, wie man im Weitergehen noch schnell nach einem Apfel
greift, so nahm er noch etwas mit von mir.
Kommen Sie, kommen Sie,
wedelte Bernd und führte den Architekten ins Wohnzimmer.
Bernd legte seine große Hand an die Türzargen und es sah so
aus, als müsste er sich in einem vom Hochwasser gefluteten
Zimmer von Raum zu Raum ziehen.
Wenn Sie möchten,
sagte er und zeigte auf die Teller mit den Tomaten, die auf den
Mozzarellascheiben schwammen, wie Seerosen auf einem
Milchteich. Den Stuhl für den Architekten hatte Bernd immer
schon vorher zurecht gerückt und dann war es nur noch ein
kurzes Zeigen mit der Hand.
Kommen Sie!
Und dann die Teller
Was möchten Sie trinken?
immer ans Ende des Tisches geschoben, in einen Haufen abgebrannter
Teelichter hinein, die dann auseinander drängten, in
Richtung der Kante flohen, wie eine Herde verschreckter Schafe.
Manchmal fiel eines herunter und ich bekam einen Blick
von Bernd, und auch einen vom Architekten. Aber den spürte
ich nur, weil Bernds Augen mich nicht fortließen.
Wir tranken nie etwas. Vielleicht, weil man meine Frage nicht
gehört hatte. Bernd sagte da schon manchmal, ich solle doch
um Gottes willen nicht immer so flüstern. Um Gottes willen.
Ja, so sagt er das.
Der Architekt hatte die Pläne auf den Tisch gelegt und wir
beugten uns darüber, wie Kinder über eine gerade gefundene
Schatzkarte.
Warten Sie mal,
hatte Bernd gesagt, während der Architekt etwas zu erklären
versuchte, eine Erklärung auf Transparentpapier, das er von
einer dicken, aber nicht mehr neuen Rolle abriss. Mal größere,
mal kleinere Rissstücke, die er dann über die Pläne legte,
um Kanten und Umrisse zu verändern. Und immer waren es
richtige Zeichnungen. Architektenzeichnungen, in denen jeder
Strich saß und selbst durchgestrichene Linien oder verworfene
Rechtecke wie richtige Entwürfe oder einfach nur sinnlos schöne
Architekten-Grafiken waren.