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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Die Identitäten des März
Edition Schrittmacher Band 8
Die Identitäten des März
Tagebuchnotizen • Hrsg. Heinz G. Hahs
12,4 x 19,2 cm, Broschur
ISBN: 978-3-89801-208-9
Preis: 9,90 EUR


Die Autorinnen & Autoren:
Susanne Beckenkamp, Monika-Katharina Böss, Harald Braem, Wolfgang Diehl, Astrid Dinges, Christa Estenfeld, Manfred Etten, Heiner Feldhoff, Gerd Forster, Simone Frieling, Peer Leonard Galle, Sigfrid Gauch, Annegret Held, Sylvia Hess, Frank Hoffmann, Wilma JungPrael, Christoph Justinger, Wolfgang Hermann Körner, Jürgen Kross, Rita Kupfer, Werner Laubscher, Barbara-Marie Mundt, Maryvonne Myller, Wolfgang Ohler, Minnie Maria Rembe, Wendel Schäfer, Walter Schenker, Wolfgang Schömel, Artur Schütt, Lutz Stehl, Klaus Wiegerling, Irina Wittmer.

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Inhalt:
Es ist einerseits ein normaler Werktag, nämlich Mittwoch, der 15. März 2006, ein Tag kurz vor dem Beginn der Leipziger Buchmesse, und es sind andererseits die Iden des März, ein Datum, an dem sich einst Caesars Schicksal vollendete und für den jungen Werther die Leiden ihren Anfang nahmen. Zugleich ist dies für eine Reihe von Autorinnen und Autoren ein Moment ihres Lebens, den sie in einem mehr oder weniger kurzen Tagebuchtext festgehalten haben. Hier wird Interesse geweckt und vielleicht sogar Neugier befriedigt: was haben kreative Menschen an einem ganz bestimmten Tag getan – sei es Alltägliches und Banales, sei es Bedeutsames und Wichtiges. Der Schriftsteller Heinz G. Hahs hat die literarische Szene darum gebeten, Einblick in ihre Tagebücher nehmen zu dürfen, und so manche und so mancher haben es ihm erlaubt. Der eine hört noch rasch den Anrufbeantworter ab, die andere feilt an ihrem neuen Prosatext, »das Buch als Stimme, der Text als Körper«, und jemand lobt »diese Reduktion des ausufernd Diarischen auf einen Punkt, einen Tag«, denn es sei die Absage an die große Confession. Wenn man dann noch eine »Vorfrühlingsbedrückung« in der Form eines Email-Austausches über einen Bettenkauf sozusagen hautnah miterleben kann, dann sind aus den altrömischen »Iden« tatsächlich amüsante »Identitäten« geworden.


Leseprobe

Susanne Beckenkamp
Last night?


Wir sind in Urlaub gefahren. Schon wieder, sagen die Nachbarn, fragen die Freunde, wundern sich die Kinder. Schon wieder, ihr wart doch erst Weihnachten. So ist das, wenn man sich kennen lernt, wenn man überhaupt lernt, es wird nicht einfacher mit den Jahren, weil die Haut dünner wird. Dünner, nicht dicker, man hätte es uns nur rechtzeitig sagen müssen. Das gibt sich nicht, aber das lernt sich, hat mal irgendwer geschrieben, ich glaube, Tucholsky. Im Zweifel sind es bei mir Tucholsky oder Fried oder Kästner, ich bin wesentlich weniger belesen, als zu vermuten oder zu hoffen wäre und gebe bei Schriftstellers gern Volkes Stimme.

Die Insel ist ein Traum: Schwarzer Sand, Vulkane, Regenwald, Hochgebirge, wir kommen gar nicht aus dem Staunen raus und haben fast zu wenig Zeit für Hotel, Pool und Meerblickzimmer. Bei Sonnenuntergang weiß ich, dass sich Glück genau so anfühlt.

Wir sind mit seiner Nachbarin verabredet. In der Hauptstadt der Insel, wo die großen Kreuzfahrtschiffe anlegen. Für einen Tag, dann geht es weiter, alle Inseln in einer Woche, das würde man in einem Urlaub doch gar nicht schaffen, strahlt die Frau. Wir haben sie am Schiff abgeholt, dürfen nicht rauf, seit dem 11. September geht das nur noch mit Bordkarte. Schade, ich hätte es mir so gerne angesehen: 11 Decks mit Pool, Wellness, Shopping, Cinema, Theater und einem Programm. Das kriegt man gar nicht alles hin, wenn man auch die Ausflüge machen will, sagt Frau E. Sie war schon ein paar mal, macht nicht mehr alle Ausflüge mit, die sind doch etwas stressig und teuer, wenn man bedenkt.

Wir gehen in ein Café, das im Reiseführer beschrieben ist. Draußen ist alles voll, also sitzen wir drin an der Tür, trinken Wasser und Bier. Wir haben gut gefrühstückt und wollen nichts essen. Mir tut seit gestern der Rücken weh. Das haben meine Töchter auch, wenn sie ihre Tage haben, hat er gesagt, aber der Schmerz ist diesmal anders, ich weine fast, und er ist hilflos.

Ich habe mich bei Frau E. entschuldigt, wenn ich etwas unaufmerksam wirke, liege es am Rücken, sie hat eine Salbe auf dem Schiff, aber ich glaube, die hilft nicht, der Schmerz kommt von innen.

Frau E. strahlt: Blonde Haare, Jeans, Lachfalten und das Ge-fühl, etwas erzählen zu können: Von diesem Mann und den Zettelchen. Es gibt nämlich Postkästen vor den Kabinen, da ist morgens die Bordzeitung drin. Man kann natürlich auch was anderes reintun. Zettelchen, zum Beispiel. Und da ist dieser Witwer mit seinen zwei Töchtern, den sie auf dem Single-Abend kennen gelernt hat. Er sieht gut aus und kann fantastisch tanzen. Sie zückt ihr Handy und zeigt ein Foto. Ein großer, braungebrannter, weißhaariger Herr steht lachend an der Reling. Er sieht gut aus, bestätige ich, und sie wird 15. Was er gesagt hat, wie er es gesagt hat, was auf dem Zettelchen stand, und seine Töchter sind so streng. Ich werde Mama und frage, ob er denn auch wirklich Witwer ist und eine Woche ist zu kurz und ein halbes Leben, und schließlich weiß man nie. Um Gottes Willen, es geht doch um den Tag, sagt sie, wer denkt denn gleich, und ich frage mich, wie dünn ihre Haut wohl wirklich ist. Sie ist zwanzig Jahre älter als ich. Eine Astrologin hat ihr das vorhergesagt, erzählt sie, und wenn dann alles wahr wird, kriege ich die Telefonnummer. Ich weiß nicht, wieviel ich wissen will, sage ich und strecke den Rücken durch.

Wir zahlen, gehen durch die belebte Stadt zurück zum Hafen und verabschieden uns. Heute Abend ist sie mit ihm zum Tanzen verabredet. Wenn nur die Töchter nicht wären.
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