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Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von: Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben, Gabriele Korn-Steinmetz
und gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz.


Arglose Träume
Edition Schrittmacher Band 19
Arglose Träume
und andere Erzählungen ohne Ende •
Marcella Berger
12,4 x 19,2 cm, Broschur
ISBN: 978-3-89801-219-5
Preis: 10,00 EUR


Die Autorin:
Marcella Berger,
in der Westpfalz, Kreis Kusel, geboren und aufgewachsen, studierte Germanistik, Philosophie und Sozialkunde. Nach Lehr- und Referententätigkeit sowie Rundfunk- und Sachbucharbeiten (Pseudonym Marcella Schäfer, Märchen lösen Lebenskrisen, 3. Auflage 1993, Herder Verlag) veröffentlichte sie in den letzten Jahren vorwiegend Prosa und Lyrik

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Inhalt:

»Arglose Träume und andere Geschichten ohne Ende« – das sind spannende und faszinierende Episodenerzählungen. Wie die Prosa zu Paolo Contes Liebesliedern kommen diese Geschichten daher, spezifisch in Timbre und Rhythmus, mit unverwechselbarem Sound in einem atmosphärisch dichten Raum. Hell ausgeleuchtet sind die Szenen und Szenarien, in denen sich die Protagonisten bewegen – und von bemerkenswerter Tiefenschärfe.


Leseprobe

Marcella Berger

Arglose Träume – und andere Geschichten ohne Ende


Auf der anderen Straßenseite herrschte geschäftiges Treiben
unter den Arkaden, doch vor den Portalstufen, auf denen sie
saß, lag der Platz weit und leer unter der burgundischen Sonne.
Tauben umflatterten den auberginefarbenen R4 und machten
sich über die Krümel aus ihren Brottaschen her.
»Willst du mitkommen?«, hatte Franziskus in der Nacht
gefragt, und sie hatte »ja« gesagt. Zur Ile de Ré sollte es gehen.
Zu den Tagen der Alten Musik.
Doch in dieser Nacht hätte sie zu allem »ja« gesagt, wozu
er sie einlud.
Sie schloss die Augen und legte den Kopf an das warme
Gemäuer. It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing! Nina
Simones kehliges Schnalzen aus den Lautsprecherboxen, derweil
Franziskus von der Freiheit als der Substanz der Liebe
sprach, von russischen, deutschen und italienischen Anarchisten,
der Kommune einszweidrei, in der er gelebt, von Uwe
Johnson, über den er seine Doktorarbeit geschrieben hatte.
Aber was auch immer Franziskus in dieser Nacht sagte – es
schwemmte Rosi schier hinweg. Wenn er sie nur berührte
dabei.
Eigentlich hatte sie Jenny besuchen wollen.
Barfuß war sie gestern – gestern? War das erst gestern gewesen?
– von der anderen Stadtseite herübergerannt, um an Jennys
Schulter über den Lumpenhund zu Hause zu klagen und
hatte wie immer auf der Bismarck-Brücke geschworen, ihn ein
für allemal in den Wind zu schießen,
Aber es war nicht Jenny, die ihr die Tür öffnete. Jenny hatte
keinen schwarzen Wuschelkopf, Jenny war blond. Und kein
Kerl.
Sekundenlang starrte sie die Gestalt in der Türöffnung an,
dann fiel ihr ein, dass die Freundin die Ferien auf Sylt verbrachte.
Oder war es Mallorca? Als Zimmermädchen jedenfalls. Und
in dieser Zeit ihre Wohnung untervermieten wollte.
Im Funzellicht des Hausflurs ein freundliches Grinsen. »Willst
du nicht reinkommen?«, fragte der Untermieter.
Und dann wusch er ihr die Füße, entkorkte eine Flasche
Wein, hörte geduldig zu und sagte endlich: »Gehen wir schlafen!«
Schließlich war Mitternacht längst vorüber.
Er hatte die Möbel umgestellt und Schwarzweiß-Fotos an
die Wand gepinnt. »Freunde«, sagte er. Und als sie aufmerksam
das Bild einer jungen Frau im schwarzen Rollkragenpullover
betrachtete, ihr sanftes, klares Gesicht, das weiche Haar,
sagte er: »Barbara – sie schläft am liebsten mit zwei Männern
gleichzeitig, dazwischengepackt.«
Dazwischengepackt! Rosi staunte und legte ihre Kleider
neben die von Franziskus.
Tschaikowsky. Pathétique. Und Nina Simone. Sings Ellington.
Mehr Platten besaß Franziskus nicht. Aber die genügten
vollauf.
Nina Simone und Tschaikowsky und Tschaikowsky und Nina
Simone, und irgendwann sagte jemand »hallo!«.
Ihre Lider waren zugeleimt oder zugenäht, sie ließen sich nur
mit Mühe öffnen und auch nur einen Spalt. Aber der reichte,
um einen Mann auf der Bettkante sitzen zu sehen, der nicht
Franziskus war. Und die Stirn runzelte.
In der Küche klapperte Geschirr, und es roch nach frisch
gebrühtem Kaffee.
Der Stirnrunzler war Richard, der Klarinettist, so viel war
klar.
Er war gekommen, um Franziskus abzuholen. Und er war
verliebt in Franziskus’ Freundin. Chancenlos natürlich.
Franziskus hatte ihr die Dinge erklärt und um Nachsicht für
den Stirnrunzler gebeten, der ein Lernender sei in den Belangen
der freien Liebe. »Wie wir alle!«
Er erschien jetzt mit einem Tablett und drei Kaffeebechern
in der Tür. »Das ist Rosi«, sagte er. »Sie fährt mit!«
»Es ist schon spät!«, antwortete der Klarinettist und nahm
einen Becher vom Tablett. »Die letzte Fähre geht am Abend
um acht!«